Mitralklappendegeneration beim Hund

Die Mitralklappe besteht aus insgesamt acht Anteilen (ein dreiteiliges vorderes Segel, ein dreiteiliges hinteres Segel, zwei  Kommissurale Segel). Die Klappensegel sind hier stark verdickt, einzelne Sehnenfäden sind gerissen. Dies ist das typische Erscheinungsbild einer fortgeschrittenen Mitralklappendegeneration.

 

Die Mitralklappe trennt den linken Vorhof von der linken Hauptkammer. Normalerweise fließt das Blut aus den Lungenvenen in den linken Vorhof, von dort durch die Mitralklappe in die linke Hauptkammer und dann weiter durch die Aortenklappe in die Hauptschlagader (Aorta).

 

Die Mitralklappendegeneration (degenerative Mitralklappenerkrankung, myxomatöse Mitralklappendegeneration) ist die häufigste Herzerkrankung des Hundes. Sie tritt bei kleinen Hunden häufiger auf als bei großen Rassen, bei Dackel und Cavalier King Charles Spaniel ist die Erblichkeit nachgewiesen.

 

Früher war die Erkrankung auch als Endokardiose bezeichnet, dieser Begriff ist allerdings weniger korrekt und wird daher heute kaum mehr verwendet.

 

Die Erkrankung ist gekennzeichnet durch langsam fortschreitende Veränderung der Klappensegel bzw. deren Haltefäden (Chordae tendineae). Mikroskopisch ähneln diese Veränderungen einer Vernarbung. Diese Umbildungsprozesse verursachen eine mehr oder weniger starke Undichtheit der Klappe, dadurch fließt Blut aus der Hauptkammer in die Vorkammer zurück. Zudem kann sich der Bindegewebsring, welcher die Klappe trägt, im Verlauf der Erkrankung ausdehnen, wodurch die Undichtheit verstärkt wird.

 

Wenn die Undichtheit ein gewisses Maß überschreitet, kommt es zu einer Vergrößerung des linken Vorhofes und der linken Hauptkammer. Dies kann wie folgt erklärt werden:

 

Jenes Blut, welches aus der Hauptkammer in die Vorkammer zurückfließt, fehlt im Körperkreislauf (das Schlagvolumen sinkt). Um diesen Mangel zu beheben, füllt der Körper das Herz mit mehr Blutvolumen, in der Annahme, dass sich dadurch das Schlagvolumen normalisiert. Zusätzlich bewirkt das zurückströmende Blut auf direktem Wege eine Vergrößerung der Vorkammer. Letzlich kann die Erkrankung zum Lungenödem (Wasser in der Lunge) führen.

 

Wodurch entsteht die Erkrankung?

 

Der genaue Mechanismus ist bislang ungeklärt, allerdings dürften eine genetische Ursache, welche den Bindegewebsstoffwechsel beeinflusst, eine Rolle spielen. Bemerkenswert ist nämlich, dass besonders jene Hunderassen betroffen sind, welche auch zu Bandscheibenvorfällen und Erkrankungen der Bronchialwände neigen.

 

Cavalier King Charles Spaniels entwickeln die Erkrankung früher als andere Hunderassen.

 

Wie erkennt man eine Mitralklappendegeneration?

 

  1. a) Herzgeräusch:

 

Die Mitralklappendegeneration verursacht typischerweise über einen langen Zeitraum keine Beschwerden. Das Auftreten eines Herzgeräusches an der linken Brustwand in der Nähe des Brustbeines ist meistens das erste Zeichen für die Erkrankung, auch wenn die Erkrankung im Herzultraschall meist schon vorher sichtbar ist. Ein Herzgeräusch allein macht allerdings nicht krank! Solange das Herz nicht vergrößert ist, ist auf keinen Fall eine Therapie nötig!

 

Eine Herzvergrößerung kann mittels Röntgenaufnahmen festgestellt werden, die definitive Diagnose erfordert allerdings eine Herzultraschalluntersuchung. Mit dem Fortschreiten der Klappenundichtheit wird das Herzgeräusch immer lauter, manchmall kann es sogar “fühlbar” werden, d.h. die Brustwand schwirrt.

 

  1. b) Husten: Viele Hunde, welche an einer Mitralklappendegeneration leiden, husten. Dieser Husten wird allerdings häufig nicht durch Wasser in der Lunge, sondern durch eine gleichzeitige Erkrankung der Bronchien verursacht. Hunde, welche eine Mitraklappendegeneration bekommen, haben häufig eine Schwäche der Bronchialwände. Wenn ein vergrößertes Herz auf den linken Stammbronchus drückt, führt dies zum Hustenreiz. Ein Lungenödem sollte selbstverständlich ausgeschlossen und der Husten entsprechend behandelt werden.

 

Ein Hund, der bereits seit vielen Monaten hustet und keine Entwässerungstabletten bekommt, hat als Ursache seines Hustens sicherlich kein Wasser in der Lunge!

 

Denn ein unbehandeltes Lungenödem wird normalerweise nicht länger als ein paar Wochen überlebt!

 

  1. c) Atemnot: Atemnot, d.h. angestrengtes, schnelles Atmen und die Vermeidung einer seitlichen Liegeposition kann ein Hinweis auf eine schwere Herzerkrankung sein! In Verbindung mit einem Herzgeräusch an der linken Brustwand nahe des Brustbeins deutet Atemnot auf ein Lungenödem hin. Eine sofortige Behandlung ist notwendig.

 

Atemnot hat mit Hecheln nichts zu tun! Hecheln ist keine Atemnot! Allerdings kann eine Ruheatemfrequenz von mehr als 35 Atemzügen pro Minute ein Hinweis auf ein Lungenödem sein.

 

  1. d) Leistungsschwäche: Leistungsschwäche kann ein Symptom einer Herzerkrankung sein. In Verbindung mit einem für die Mitralklappendegeneration typischen Herzgeräusch kann es auf eine forgeschrittene Erkrankung hindeuten. Allerdings können eine Vielzahl anderer Erkrankungen (z.B. orthopädische Probleme) zur Leistungsschwäche führen. Manchmal kann die Ursache nicht einer einzigen Erkrankung zugeordnet werden.
  2. e) Anfallsartige Bewusstlosigkeit: Eine stark fortgeschrittene Mitralklappendegeneration kann Bewusstlosigkeitsanfälle verursachen, vor allem, wenn ein hochgradiger Lungenhochdruck vorliegt oder wenn der linke Vorhof reißt.

 

Wie wird die Mitralklappendegeneration diagnostiziert?

 

Wenn die Mitralklappe undicht ist, verursacht dies ein Herzgeräusch. In fortgeschrittenen Fällen führt das zu einer Vergrößerung der Herzens, welche im Röntgen dargestellt werden kann. Kommt es zum sogenannten Linksherzversagen, ist Wasser in der Lunge (Lungenödem) röntgenologisch sichtbar.

 

 

Trikuspidalklappendysplasie beim Hund Herzvergrößerung und Lungenödem bei einem Hund mit Mitralklappendegeneration (auch beim Bild rechts)

 

 

Trikuspidalklappendysplasie beim Hund Herzvergrößerung bei einem Hund mit Mitralklappendegeneration

 

Trikuspidalklappendysplasie beim Hund

 

 

Die definitive Diagnose wird aber mittels Herzultraschalluntersuchung gestellt. Dabei kann auch der Schweregrad der Erkrankung bestimmt werden, was insbesondere für die Prognosestellung wichtig ist. Typisch sind knotige Verdickungen der Klappensegel, ein sogenannter Klappenprolaps und der Nachweis der Klappenundichtheit. Wenn die Erkrankung fortschreitet, dehnt sich auch der Klappenring, in welchem die Klappe aufgehängt ist. Die Größe von linker Hauptkammer und linkem Vorhof wird vermessen und die Kontraktionsfähigkeit der Hauptkammer abgeschätzt.

 

Trikuspidalklappendysplasie beim Hund

Deutlich sichtbar ist der Klappenprolaps (Pfeil), d.h. die Klappe ragt in den Herzvorhof hinein.

 

 

Die Mitralklappendegeneration ist bereits fortgeschritten: Die linke Hauptkammer und der linke Vorhof sind stark vergrößert, die Klappensegel sind verdickt, treffen einander nicht in der Mitte und schlagen in den Vorhof durch – die Klappe ist nicht dicht.

 

 

Die Klappenundichtheit (Mitralklappeninsuffizienz) ist hier im Farbdoppler dargestellt.

 

Welche Stadien unterscheidet man?

Grundsätzlich werden die Stadien A bis D unterschieden. B wird in B1 und B2, C in C1 bis C3 unterteilt (sog. DEPP-Klassifikation nach Kresken, Wendt, Modler, integriert aus ACVIM und CHIEF)

Stadium Herzgeräusch Klinische Symptome Befunde der Bildgebenden Diagnostik
A (Genetische Neigung zur Erkrankung) nein nein nichts
B1 ja nein Undichtheit der Mitralklappe, Klappenveränderungen, normale Herzgröße
B2 ja Wahrscheinlich nein, evtl. Leistungsschwäche, Husten Klappenveränderungen, Klappenundichtheit, Herzvergrößerung, noch kein Lungenödem
C1 ja Nein Klappenveränderungen und –undichtheit, Herzvergrößerung, kein Lungenödem mehr, da unter Therapie
C2 ja Ja (Atemnot, meist Husten) Klappenveränderungen und –undichtheit, Herzvergrößerung, Lungenödem (sog. interstitielles)
C3 ja Ja   (schwere Atemnot, Husten) Klappenveränderungen und –undichtheit, Herzvergrößerung, Lungenödem (sog. alveoläres)
D ja Ja (schwerste Atemnot, evtl. Husten, evtl Bewusstlosigkeitsanfälle, Seitenlage) Klappenveränderungen und –undichtheit, Herzvergrößerung, evtl. Herzbeutelerguss, Lungenödem (sog. alveoläres), evtl. Flüssigkeit im Brustkorb und Bauchraum, blaue Schleimhäute, Therapieresistenz

Sind Blutuntersuchungen im Rahmen der Mitralklappendegeneration sinnvoll?

Viele Labors bieten in Zusammenhang mit der Herzdiagnostik die Messung sogenannter Biomarker an. Dazu gehören insbesondere das NT-proBNP und das cardiale Troponin I. Wir führen diese Untersuchungen im Rahmen der Mitralklappendegeneration nur in Ausnahmefällen durch, weil die Bestimmung dieser Werte unserer Meinung nach derzeit keine wichtigen Zusatzinformationen liefert, welche therapierelevant wären oder eine verlässliche Prognose zuließen. Im Rahmen der Therapie ist es allerdings manchmal sinnvoll, Nierenwerte und Elektrolyte zu kontrollieren, vor allem, wenn höhere Dosen von Entwässerungsmedikamenten zum Einsatz kommen.

Wie wird die Mitralklappenerkrankung behandelt?

Kann eine Mitralklappenerkrankung geheilt werden?

Grundsätzlich ist die Erkrankung unheilbar, sie muss aber auch nicht in jedem Fall zum Lungenödem führen. In fortgeschrittenen Fällen, d.h. im Falle einer nachgewiesenen deutlichen Herzvergrößerung (Herzvorkammer und Herzkammer), werden Medikamente eingesetzt. Dabei spielt besonders das Erkennen sogenannter negativer prognostischer Faktoren, d.h. von Merkmalen, welche auf einen schnelleren Krankheitsverlauf hinweisen, eine Rolle. Bei beginnenden Stauungsanzeichen (beginnendes Lungenödem) müssen in jedem Fall sog. Diuretika (zur Entwässerung) verabreicht werden. Die Dosis der Diuretika wird, abhängig vom Fortschritt der Erkrankung, allmählich gesteigert bzw. angepasst.

Um den Therapieerfolg zu überprüfen, kann zu Hause am schlafenden Patienten die Atemfrequenz gezählt werden. Dazu werden die Atemzüge eine halbe Minute lang gezählt und dann mit 2 multipliziert. Die Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute) sollte beim Hund unter 30/min liegen. Mehr als 35 Atemzüge pro Minute deuten auf ein Linksherzversagen (Wasser in der Lunge) hin, eine Rücksprache mit dem Tierarzt ist unbedingt nötig (Kontrolluntersuchung bzw. Therapieanpassung).

Grundsätzlich versuchen wir, durch Medikamenteneinsatz und regelmäßige Kontrollen das Auftreten eines Lungenödems möglichst zu verhindern. D.h. wir warten nicht mit der Therapie, bis Ihr Hund bereits Atemnot entwickelt, sondern verstehen unsere Aufgabe darin, die Lebensqualität Ihres Patienten zu erhalten!

Falls die Erkrankung zur Herzvergrößerung geführt hat, die Funktion der linken Hauptkammer allerdings noch nicht zu stark eingeschränkt ist, kann mittels einer komplizierten Operation am offenen Herzen (sog. Mitralklappenrepair) die Klappe repariert werden (Link Herzoperationen). Die Operationstechnik wurde von Dr. Masami Uechi in Japan entwickelt. Wir haben diese Operationstechnik als erste europäische Klinik erfolgreich durchgeführt und bieten sie nun routinemäßig an.